Regulatorische Anreize für effiziente Netzinvestitionen: Neue Studie im Auftrag der belgischen CREG
Wie sich regulatorische Anreizstrukturen weiterentwickeln lassen, um den wachsenden Anforderungen des Netzausbaus gerecht zu werden – Erkenntnisse aus einer aktuellen EERA-Studie
Hintergrund: Steigende Investitionsvolumina stellen Regulierungssysteme vor neue Herausforderungen
Der Ausbau der Stromübertragungsnetze in Europa erreicht eine neue Dimension. In Belgien zeigt sich dies besonders am Projekt „Modular Offshore Grid II“ (MOG II) – dem Bau einer künstlichen Insel für die Offshore-Stromübertragung. Wie bei vielen Großinfrastrukturprojekten in ganz Europa haben sich auch hier die ursprünglichen Budgetannahmen im Laufe der Projektentwicklung erheblich verändert. Die Gründe sind vielschichtig: von veränderten Marktbedingungen und Lieferkettenengpässen über gestiegene Inputpreise, technische Designentscheidungen bei einem „First-of-a-kind“-Projekt und insbesondere strategische Anreize. Letztere standen im Fokus des Projekts.
Die belgische Regulierungsbehörde CREG hat diese Entwicklungen proaktiv aufgegriffen und eine systematische Analyse der Budgetentwicklung durchgeführt. In Vorbereitung auf die Tarifverhandlungen für die Regulierungsperiode 2028–2031 hat die CREG EERA consulting beauftragt, die bestehende Anreizstruktur der Tarifmethodik zu evaluieren und mögliche Weiterentwicklungen zu erarbeiten.
Analyseergebnis: Strukturelle Optimierungspotenziale in der Anreizarchitektur
Die aktuelle belgische TSO-Regulierung basiert auf bewährten Grundprinzipien, die in vielen europäischen Ländern in ähnlicher Form zum Einsatz kommen. Die Studie zeigt jedoch, dass bestimmte Designelemente im Zusammenspiel – insbesondere in Zeiten stark wachsender Investitionsvolumina – unbeabsichtigte Nebeneffekte entfalten können:
1. Asymmetrische Behandlung von CAPEX und OPEX
Investitionsausgaben (CAPEX) werden als Kostendurchleitung vergütet, Betriebsausgaben (OPEX) unterliegen einem Budgetansatz mit Sharing-Faktor von 50 %. Diese in der Regulierungspraxis durchaus gängige Konstruktion kann bei stark steigenden Investitionsvolumina dazu führen, dass CAPEX-intensive Lösungen gegenüber OPEX-basierten Alternativen überproportional attraktiv werden – ein in der regulierungsökonomischen Literatur seit Averch und Johnson (1962) bekannter Effekt.
2. Die OPEX-Anpassungsregel
Eine ex-post-Anpassungsregel passt das OPEX-Referenzbudget an, wenn die tatsächlichen CAPEX das geplante Budget um mehr als einen Schwellenwert übersteigen. Der zugrunde liegende Multiplikator „B“ ist dabei als Verhältnis von OPEX-Budget zu CAPEX-Budget definiert. Dieser ursprünglich sinnvolle Mechanismus zur Berücksichtigung investitionsbedingter Betriebskostensteigerungen kann unter bestimmten Umständen unbeabsichtigte Verstärkungseffekte erzeugen.
3. RAB-basierte Outputorientierte Anreize
Die outputorientierten Bonusanreize – rund 25 % der gesamten Eigenkapitalvergütung – sind an die reale Regulierungskapitalbasis (RAB) gekoppelt. Belgien gehört hier zu den europäischen Vorreitern bei der Einführung outputorientierter Regulierung. Die Kopplung an die RAB (beyond WACC‘) dient dem nachvollziehbaren Ziel, Kapital für notwendige Investitionen zu attrahieren. Die Studie zeigt allerdings, dass diese Kopplung als Nebeneffekt Anreize zur Ausweitung der Kapitalbasis setzen kann, die über das effiziente Maß hinausgehen.
Es ist wichtig zu betonen, dass ein erheblicher Teil der beobachteten Kostensteigerungen auf externe Faktoren zurückzuführen ist, die außerhalb des Einflussbereichs des Netzbetreibers liegen. Die Studie unterscheidet bewusst zwischen exogen getriebenen und regulierungsinduzierten Kostenentwicklungen und konzentriert sich ausschließlich auf Letztere.
Weiterentwicklungsoptionen – drei davon als Paket empfohlen
Die Studie bewertet verschiedene inkrementelle Maßnahmen anhand zweier Kriterien: Effektivität bei der Stärkung von Effizienzanreizen und Einfachheit der Umsetzung innerhalb des bestehenden Regulierungsrahmens. Drei davon werden als Paket empfohlen:
Empfohlen zur Umsetzung
Fixierung des Parameters „B“: Statt B endogen aus den Budgets abzuleiten, könnte der Regulierer B als exogenen Parameter auf Basis historischer Durchschnittswerte festlegen. Dies ist eine „No-regret“-Maßnahme, die unbeabsichtigte Verstärkungseffekte in der OPEX-Anpassungsregel wirksam unterbindet, ohne den grundlegenden Regulierungsmechanismus zu verändern.
Einführung eines Business Plan Incentive (BPI): Ein symmetrisches Anreizsystem, das präzise Budgetplanung belohnt. Sowohl Budget-Über- als auch -Unterschreitungen werden berücksichtigt, wodurch die Planungsqualität auf beiden Seiten – Regulierer und Netzbetreiber – gestärkt wird. Ähnliche Ansätze finden sich bereits im britischen RIIO-System.
Entkopplung der outputorientierten Anreize von der realen RAB: Die outputorientierten Bonuszahlungen könnten auf eine alternative Bezugsgröße umgestellt werden – etwa auf die Plankostenbasis oder anderen an der Unternehmensplanung orientierte Parameter. So lässt sich der gewünschte Effekt der Kapitalattrahierung beibehalten, ohne unbeabsichtigte Überkapitalisierungsanreize zu erzeugen.
Alle vorgeschlagenen Maßnahmen sind bewusst als inkrementelle Weiterentwicklungen des bestehenden Systems konzipiert – es handelt sich ausdrücklich nicht um einen Systemwechsel.
Implikationen für andere EU-Regulierungsbehörden
Die Relevanz dieser Analyse reicht weit über Belgien hinaus. Die identifizierten Optimierungspotenziale sind nicht landesspezifisch, sondern struktureller Natur – sie können überall dort auftreten, wo ähnliche regulatorische Designelemente zum Einsatz kommen:
Asymmetrie zwischen CAPEX und OPEX ist weit verbreitet. Viele europäische Regulierungssysteme behandeln Investitions- und Betriebsausgaben unterschiedlich. Die belgische Analyse zeigt, dass es sich lohnt, diese Konstruktionen gerade in Zeiten massiver Netzausbauinvestitionen kritisch zu überprüfen.
Output-orientierte Regulierung gewinnt europaweit an Bedeutung. Belgien gehört zusammen mit Großbritannien (RIIO-System) zu den Vorreitern bei der Nutzung outputorientierter Anreize – ein innovativer Ansatz, der grundsätzlich zu begrüßen ist. Die Studie liefert wertvolle Hinweise, wie sich bei der Kalibrierung solcher Bonussysteme unbeabsichtigte Nebeneffekte vermeiden lassen. Regulierungsbehörden, die ähnliche Mechanismen einführen oder weiterentwickeln, können von diesen Erkenntnissen profitieren.
Die EU-Kommission fördert vorausschauende Investitionen. Mit der im Juni 2025 veröffentlichten Leitlinie zu „Anticipatory Investments“ betont die EU-Kommission, dass die Regulierung zukunftsgerichtete Netzinfrastrukturprojekte aktiv fördern soll. Dies macht eine gut kalibrierte Anreizstruktur umso wichtiger: Die Regulierung muss Investitionen ermöglichen und fördern – und gleichzeitig sicherstellen, dass die Effizienzanreize wirksam bleiben.
Aktuelle Entwicklung: CREG startet öffentliche Konsultation zur neuen Tarifmethodik – auf Basis der Studienempfehlungen
Die Empfehlungen der Studie bilden eine wesentliche Grundlage für die Weiterentwicklung der belgischen Netzregulierung: Am 16. April 2026 hat die CREG die öffentliche Konsultation zum Entwurf der Tarifmethodik für die Regulierungsperiode 2028–2031 eröffnet (Referenznummer PRD 1109/13). Der vorgelegte Entwurf greift zentrale Empfehlungen des Gutachtens auf und überführt sie in konkrete regulatorische Vorschläge
Die Konsultationsunterlagen sind auf der Website der CREG verfügbar unter:
https://www.creg.be/nl/openbare-raadplegingen/prd1109/13
Die vollständige Studie „Improving regulatory incentives for efficient investments in the Belgian grid“ steht ebenfalls zum Download auf der Seite von CREG bereit.